Hochsensibilität & sensorische Sensitivität - Neurodivergenz & Autismus

Neurodivergenz erkennen – erste Schritte zur Selbsteinschätzung

„Es gehört große Kühnheit zu dem Wagnis, sich selbst zu sein.“

Eugène Delacroix

Neurodivergenz beschreibt Unterschiede in der Wahrnehmung, dem Denken, Fühlen und der Reizverarbeitung eines Menschen im Vergleich zu dem, was gesellschaftlich als „normal“ gilt. Diese Unterschiede sind neurologischer Natur, betreffen also das Gehirn und das Nervensystem, und sind meist angeboren.

Viele neurodivergente Menschen erleben sich ihr Leben lang als „irgendwie anders“ oder „nicht so richtig passend“. Ihre Umwelt, aber auch sie selbst finden dafür unterschiedliche Erklärungen: Sensibel, schüchtern, ängstlich, überfordert oder nicht so richtig belastbar. Diese Erklärungen helfen teilweise, das eigene Erleben zu verstehen und einzuordnen. Aber oft bleibt auch ein Rest von Unstimmigkeit und das Gefühl, dass da noch mehr dahinter stecken könnte.

Sich selbst so lange nicht richtig zu verstehen und erklären zu können, kann sehr belastend sein. Oft verwendet man auch viel Energie darauf, sich anzupassen oder zu funktionieren, was zur Erschöpfung führen kann.

In den letzten Jahren ist der Begriff Neurodivergenz immer bekannter geworden, und auch die Art, wie wir Neurodivergenz verstehen, hat sich gewandelt. Der Gedanke, möglicherweise selbst neurodivergent zu sein, kann sich einerseits entlastend anfühlen, aber auch verunsichern. Dieser Artikel möchte einen ersten, vorsichtigen Rahmen für diese Selbsteinschätzung geben.


Das altbekannte Gefühl, „anders“ zu sein

„Irgendwie war ich schon immer anders“ – vielleicht kennen Sie dieses Gefühl. Es zieht sich wie ein roter Faden durch Ihr ganzes Leben und viele verschiedene Lebensphasen. Irgendwie scheinen Sie anders zu ticken als die anderen Menschen. Manche Dinge fallen Ihnen auffallend schwerer als anderen, obwohl Sie in anderen Bereichen eigentlich ganz gut zurechtkommen.

Hier sind paar typische Beispiele, wie sich dieses Anderssein im Alltag anfühlen kann:

  • Kontakte zu anderen Menschen, auch positive, strengen Sie irgendwie mehr an als andere.
  • In Gruppen fühlen Sie sich nie so richtig zugehörig und irgendwie immer ein bisschen außen vor.
  • Sie fühlen sich leicht überreizt oder erschöpft und brauchen mehr oder längere Pausen.
  • Sie nehmen die Stimmungen anderer Menschen stark wahr.
  • Es fällt Ihnen schwer, Ihren Alltag zu organisieren und Ihre Aufgaben zu erledigen.
  • Ihre Emotionen scheinen sehr stark ausgeprägt zu sein, und es fällt Ihnen schwer, sich zu beruhigen.

Es ist aber manchmal auch einfach schwer benennbar, was dieses „Anderssein“ eigentlich beinhaltet.

Vielleicht kennen Sie es auch, dass Sie schon von Kindheit an verschiedene Erklärungen von anderen dafür gehört haben. Später als Erwachsener haben Sie dann möglicherweise auch selbst nach weiteren Erklärungen gesucht: Schüchtern, ängstlich, sozial ungeschickt, introvertiert, überfordert, wenig belastbar, perfektionistisch, verträumt, ungeduldig – alles gerne auch mit einem „zu“ davor. Oder Sie haben von Ärzten oder Psychotherapeuten bestimmte Diagnosen erhalten: Angststörungen, Zwangsstörung, Depressionen oder Persönlichkeitsstörungen wie die Borderline-Störung oder auch die Ängstlich-vermeidende Persönlichkeitsstörung.

Oft hinterlassen diese Erklärungsversuche und Diagnosen bei neurodivergenten Menschen das Gefühl, dass man eigentlich anders sein sollte oder sich zumindest mehr anstrengen müsste, um genau so gut zu funktionieren wie alle anderen Menschen. Aber trotz intensiver Bemühungen und teilweise auch mehrerer Therapien wird es irgendwie nicht besser.

Am Ende kann das dazu führen, dass man an sich selbst zweifelt und sich fragt: „Was mach ich bloß falsch?“ Oder noch tiefergehend: „Was stimmt nicht mit mir?“

Was Selbstreflexion hier heißen kann

Wenn Sie sich in diesen Erfahrungen wiedererkennen, kann es hilfreich sein, einmal genauer hinzuschauen, ob sich dabei gewisse Muster beobachten lassen:

  • Gibt es immer wieder bestimmte Situationen, in denen Sie sich besonders erschöpft, überfordert oder unruhig fühlen, etwa in Menschenmengen, bei Zeit- und Termindruck oder bei dem Versuch, die Erwartungen anderer zu erfüllen?
  • Tauchen bestimmte Gedanken, Gefühle oder körperlichen Reaktionen immer wieder auf, wie zum Beispiel innere Unruhe, Überforderung, Grübeln oder Erschöpfung?
  • Haben Sie verschiedene Strategien ausprobiert, um damit umzugehen, von Rückzug über vermehrte Planung bis hin zu Ablenkung? Und haben diese, wenn überhaupt, dann nur mäßig funktioniert? Haben Sie schon eine oder mehrere Therapien gemacht, ohne dass diese Ihnen wirklich geholfen haben?

Wenn Sie diese Muster beobachten, kann sich die Frage stellen, ob es dafür vielleicht eine Erklärung geben könnte, die über „Ich bin einfach zu sensibel, etc.“ hinausgeht.


Hochsensibilität als Türöffner

Viele Menschen entdecken Neurodivergenz nicht auf einen Schlag, sondern über Umwege.

Oft ist das Thema Hochsensibilität ein Einstieg und viele neurodivergente Menschen finden sich hier zunächst einmal wieder. Zum ersten Mal fühlt sich etwas nicht defizitär, sondern erklärend an. Die intensive Wahrnehmung, die emotionale Tiefe und die schnelle Erschöpfung – all das bekommt auf einmal einen wertschätzenden Rahmen.

Was ist Hochsensibilität?

Hochsensibilität ist ein Persönlichkeitskonzept, das beschreibt, wie stark Menschen Reize aus der Umwelt wahrnehmen und verarbeiten. Es ist keine Diagnose, sondern ein wissenschaftlich erforschtes Merkmal der Persönlichkeit. Es wird davon ausgegangen, dass ca. 15–20 % der Menschen hochsensibel sind.

Merkmale von Hochsensibilität sind:

  • Reize wie beispielsweise Geräusche, Licht und Menschenmengen werden intensiver wahrgenommen,
  • diese Sinneseindrücken werden tiefgehender verarbeitet,
  • die Reflexion über das eigene Erleben ist deutlich ausgeprägt,
  • Emotionen (eigene und die anderer) werden intensiv erlebt, man schwingt emotional stark mit und hat eine ausgeprägte Empathie.
  • Das alles führt dazu, dass hochsensible Menschen mehr Pausen und Rückzugsmöglichkeiten brauchen, um Zeit zu haben, das Erlebte zu verarbeiten, zu reflektieren und sich zu erholen.

Die Forschung betont, dass Hochsensibilität keine Störung, sondern ein neutraler Unterschied in der Informationsverarbeitung ist.

Zum Artikel: Hochsensibilität verstehen – Feinfühligkeit und ein achtsamer Umgang mit sich

Hochsensibilität kann ein erster Zugang zu der Idee sein, dass das eigene Nervensystem anders arbeitet. Das Konzept ist bekannter als Neurodivergenz und es hilft vielen erst einmal, sich selbst zu verstehen und Strategien zu entwickeln. Es kann dadurch zum ersten Mal das Gefühl „Endlich fühle ich mich verstanden“ auftauchen, was durchaus emotional sein kann.

Aber mit der Zeit kann es sein, dass man merkt, dass da trotzdem noch etwas fehlt und auch die Hochsensibilität vielleicht nicht alles erklärt oder doch nicht so 100-prozentig passt. Man braucht nicht nur Ruhe und Rückzug, sondern hat vielleicht auch ein starkes Bedürfnis nach Vorhersehbarkeit, empfindet Stress bei spontanen Änderungen oder innere Unruhe bei fehlenden äußeren Strukturen. Soziale Situationen werden nicht nur als intensiv erlebt, sondern auch als verwirrend und schwer einzuordnen. Reize fühlen sich nicht nur oder sogar eher weniger emotional überwältigend an und statt dessen eher wie ein innerer Kurzschluss, so als würde das alles nicht mehr in den Kopf reinpassen und dieser heißlaufen. Ebenso können Konzentrationsprobleme, Impulsivität, starke Reizsuche oder Reizvermeidung ein Thema sein.

Diese Beobachtungen können ein Hinweis darauf sein, dass man neurodivergent sein könnte.


Der Weg zur Neurodivergenz

Neurodivergenz ist ein Sammelbegriff für unterschiedliche neurologische Unterschiede. Das kann ein entlastender Perspektivwechsel sein: Hier stehen nicht einzelne Eigenschaften wie bei der Hochsensibilität im Fokus, sondern es wird ein grundlegend anderes neurobiologisches Erleben beschrieben.

Was ist Neurodivergenz?

Neurodivergenz ist ein neurologisches Konzept, das Unterschiede und Abweichungen von der als „normal“ bezeichneten Wahrnehmung und Informationsverarbeitung beschreibt. Es umfasst unterschiedliche neurologische Entwicklungsvarianten, z. B. Autismus oder ADHS. Hochsensibilität wird aber tatsächlich auch häufig dazugezählt.

Neurodivergenz beinhaltet grundsätzlich, dass Menschen anders auf Reize, soziale Situationen, Planung, Struktur und Emotionen reagieren. Das kann bestimmte Herausforderungen, aber auch besondere Stärken mit sich bringen.

Auch wenn Autismus und ADHS als Störungen klassifiziert werden, ist Neurodivergenz keine Diagnose, sondern ein Rahmen, um die Varianz menschlicher neurologischer Entwicklung zu beschreiben.

Wie beschrieben, kann Hochsensibilität für viele neurodivergente Menschen ein Einstieg in die Selbsterkenntnis sein. Es gibt aber auch andere Wege: Manche stoßen direkt auf Autismus oder ADHS, etwa durch eigene Recherchen, weil jemand sie darauf anspricht oder auch rein zufällig. Und wieder andere merken, wenn Ihre Kinder die Diagnose Autismus oder ADHS bekommen, plötzlich: „Das könnte auch auf mich zutreffen.“

Wie zeigt sich Neurodivergenz?

Der Weg der Auseinandersetzung mit Neurodivergenz beginnt dabei selten mit einer klaren Antwort. Häufig ist es eher ein allmähliches Wiedererkennen: Situationen, Gefühle und Herausforderungen, die sich durch das eigene Leben ziehen und die vorher einzeln, widersprüchlich oder schwer erklärbar wirkten, erscheinen plötzlich in einem neuen Licht.

Typische Erfahrungen neurodivergenter Menschen

  • Soziale Interaktionen: Soziale Situationen fühlen sich oft anstrengend, verwirrend oder erschöpfend an. Nach Kontakt mit anderen verspürt man ein starkes Bedürfnis nach Rückzug, selbst wenn die Begegnung an sich positiv war.
  • Reizverarbeitung: Geräusche, Licht, Gerüche, Berührungen oder Menschenmengen werden schnell als überfordernd bis überwältigend erlebt. Das Nervensystem scheint Reize weniger zu filtern oder intensiver zu verarbeiten.
  • Aufmerksamkeit: Es gibt Schwierigkeiten, den Fokus zu halten oder umgekehrt Phasen von starkem, fast tunnelartigem Fokus („Hyperfokus“). Gedanken springen, kreisen oder „haken sich fest“. Innere Unruhe oder Getriebenheit können ebenfalls dazugehören.
  • Emotionen: Gefühle werden sehr intensiv oder langanhaltend erlebt, wobei Sie sich oft eher körperlich zeigen. Kritik, Ablehnung oder Spannungen wirken stark nach. Es kann schwierig sein, seine Emotionen zu benennen, zu regulieren oder innerlich zur Ruhe zu kommen.
  • Struktur, Alltag und Vorhersehbarkeit: Es kann entweder ein starkes Bedürfnis nach Routinen, Klarheit und Planbarkeit bestehen oder Schwierigkeiten mit Organisation, Priorisierung und Alltagsstruktur geben. Veränderungen oder Unvorhergesehenes werden als besonders belastend erlebt.
  • Interessen und Fokus: Bestimmte Themen, Interessen oder Tätigkeiten werden sehr intensiv verfolgt und können viel Energie und Aufmerksamkeit binden. Diese Interessen sind oft sinnstiftend und haben eine wichtige Bedeutung für die innere Regulation, können aber auch zu Ungleichgewichten im Alltag führen.

Keines dieser Merkmale ist für sich genommen „typisch neurodivergent“, jeder Mensch kennt diese mehr oder weniger stark. Wenn sich aber mehrere davon wie ein roter Faden durch Ihr Leben und verschiedene Lebensphase ziehen, können sie ein Hinweis darauf sein, genauer hinzuschauen und das eigene Erleben in einem größeren Zusammenhang zu betrachten.

Neurodivergente Menschen unterscheiden sich dabei stark in der Kombination, der Ausprägung und dem Umgang mit diesen Eigenschaften. Viele kommen lange gut zurecht, weil sie sich anpassen, kompensieren oder sehr viel Energie investieren zu funktionieren, oft begleitet von Erschöpfung, Selbstzweifeln oder innerem Stress. Neurodivergenz zeigt sich daher nicht immer in offensichtlichen Schwierigkeiten, sondern manchmal vor allem in dem Gefühl, ständig mehr leisten zu müssen als andere, um im Alltag mitzuhalten.

Das Erkennen der eigenen neurodivergenter Muster kann daher eine Entlastung sein: Es ermöglicht, eigene Bedürfnisse neu einzuordnen, Grenzen bewusster wahrzunehmen und den Alltag für sich passender zu gestalten. Und das nicht unbedingt effizienter, sondern vor allem stimmiger.


Häufige Fragen

1. Was ist Neurodivergenz?

Neurodivergenz beschreibt neurologische Unterschiede in Wahrnehmung, Denken, Fühlen und Reizverarbeitung. Dazu zählen z. B. Autismus, ADHS und Hochsensibilität. Neurodivergenz bedeutet, dass das Gehirn anders arbeitet als bei anderen Menschen, z. B. in der Art, wie Reize verarbeitet werden, wie soziale Situationen erlebt werden oder wie man sich konzentriert und organisiert. Das ist kein „Fehler“, sondern eine Variante menschlicher Neurologie, die Herausforderungen, aber auch besondere Stärken mit sich bringen kann.

2. Ist Hochsensibilität dasselbe wie Neurodivergenz?

Nein. Hochsensibilität ist ein Persönlichkeitsmerkmal, Neurodivergenz dagegen ein übergreifender neurologischer Rahmen. Hochsensibilität kann aber Teil von Neurodivergenz und für viele ein erster Zugang zu dem Thema sein.

3. Wie erkenne ich, ob ich neurodivergent bin?

Es gibt keinen einzelnen Test für Neurodivergenz. Häufig zeigen sich über längere Zeit hinweg bestimmte Muster: Reizüberflutung, Erschöpfung nach sozialen Kontakten, Schwierigkeiten mit Struktur und Planung, intensives Grübeln oder starke emotionale Reaktionen. Wenn sich mehrere dieser Themen konsistent durch verschiedene Lebensphasen ziehen und man sich dabei oft als „anders“ erlebt als andere, kann das ein Hinweis sein, genauer hinzuschauen, z.B. durch Selbstreflexion, Informationssuche, Austausch mit anderen oder professionelle Abklärung oder Beratung.

4. Ist Neurodivergenz eine Krankheit oder eine Störung?

Nein. Neurodivergenz ist ein Sammelbegriff für unterschiedliche neurologische Entwicklungsvarianten. Sie gehen mit mit bestimmten Herausforderungen, aber auch mit besonderen Stärken einher.


Abschluss und Ausblick

Wenn Sie sich in den Beschreibungen wiedergefunden haben, dann sind sicherlich auch viele Fragen aufgetaucht. Darum an dieser Stelle: Es ist nicht notwendig, dass Sie jetzt sofort auf alles Antworten finden oder sich eindeutig einordnen, ob Sie nun neurodivergent sind oder nicht. Das Verstehen darf Zeit brauchen und ein Prozess sein, den Sie Schritt für Schritt gehen.

Sie müssen auch nicht sofort alles lösen oder verändern. Für den Anfang kann es alleine schon entlastend sein, die eigenen Muster bewusster wahrzunehmen, und zwar ohne Druck oder Anspruch auf Vollständigkeit. Oft geht es zunächst einfach darum, sich selbst mit mehr Verständnis, Freundlichkeit und Geduld zu begegnen. Auch das alleine kann schon viel bewirken.

Mit dieser Haltung können Sie dann nach und nach ein klareres Bild davon entwickeln, was Ihre Bedürfnisse sind, was Ihre Stärken und welche möglichen neurodivergenten Anteilen Sie haben.


Wenn Sie diesen Fragen weiter nachgehen möchten, habe ich ein kostenloses PDF „Bin ich neurodivergent?“ zur ersten Selbsteinschätzung zusammengestellt. Es kann Sie dabei unterstützen, Ihr eigenes Erleben strukturierter zu betrachten und wiederkehrende Muster bewusster wahrzunehmen.

Zusätzlich finden Sie hier einen kurzen Selbsttest zur Selbstbeobachtung mit Fokus auf typische Merkmale bei autistischen Erwachsenen:

Wenn Sie merken, dass Sie sich eine persönliche Einordnung, mehr Klarheit oder konkrete Strategien für Ihren Alltag wünschen, begleite ich Sie gern in meiner psychologischen Onlineberatung per schriftlicher Nachrichten, Telefon oder Videogespräch dabei, Ihr Erleben besser zu verstehen und passende Wege für sich zu entwickeln.

Weitere Informationen dazu finden Sie auf meiner Website: loesbar-online.de
Oder schreiben Sie mir direkt unter: info@loesbar-online.de


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