„Der wahre Beruf des Menschen ist, zu sich selbst zu kommen.“
Hermann Hesse, deutscher Schriftsteller und Dichter
Viele sensible und neurodivergente Menschen kennen Phasen starker Überlastung. Für solche Zustände gibt es verschiedene Begriffe: Überforderung, Erschöpfung, Burnout, Shutdown oder Meltdown. Sie sind oft begleitet von dem Gefühl „Es ist einfach alles zu viel“ oder „Ich kann nicht mehr“ sowie kognitiven und körperlichen Veränderungen. Manchmal entwickelt sich so ein Zustand schleichend, manchmal tritt er aber auch plötzlich auf und kann in beiden Fällen zu Rückzug oder sogar einem Zusammenbruch führen.
Die Warnsignale werden dabei häufig erst spät wahrgenommen oder lange übergangen, um nach außen hin weiter zu funktionieren. Besonders wenn Menschen es gewohnt sind, sich anzupassen oder zu maskieren. Mitunter fehlt auch das Verständnis, warum einem das passiert. Und nicht selten ist die Erschöpfung mit dem Gefühl verbunden, dass mit einem etwas nicht stimmt oder man etwas falsch macht.
Dieser Artikel will sensible und neurodivergente Menschen dabei unterstützen, ihre Überlastungsreaktionen und Erschöpfungszustände besser zu verstehen und einordnen zu können. Er gibt Tipps, wie man die eigenen Warnsignale früher erkennen und ernstnehmen kann. Und er vermittelt Strategien, wie man gut mit Überforderung und ihren Folgen umgehen sowie frühzeitig gegensteuern und vorbeugen kann.
Kennen Sie das? Sie kommen nach einem eigentlich ganz normalen Tag nach Hause und merken oft, dass Sie müde und erschöpft sind und irgendwie nichts mehr geht. Der Kopf ist voll, das Abendessen zubereiten fühlt sich zu viel an und Sie wollen eigentlich nur noch Ihre Ruhe haben. Vielleicht fällt es Ihnen sogar schwer, zu sprechen oder klar zu denken.
Oder Sie sind in einer Situation mit anderen Menschen – bei der Arbeit oder bei einem Treffen. Und obwohl äußerlich nichts Besonderes passiert, merken Sie, wie die Anspannung immer weiter steigt. Es ist Ihnen zu laut, es passiert zu viel gleichzeitig und innerlich werden Sie immer unruhiger. Sie versuchen noch durchzuhalten, aber eigentlich fühlt es sich zu viel an.
Vielleicht kennen Sie auch diese Mischung aus Erschöpfung und Anspannung, die sich über Tage oder Wochen aufbaut. Sie funktionieren weiter, aber es kostet immer mehr Kraft, und echte Erholung scheint kaum noch möglich zu sein.
Die verschiedenen Formen von Überlastung
Alle Menschen können starke Überlastung und Erschöpfung erleben. Sensible und neurodivergente Menschen sind aber besonders häufig davon betroffen. Diese Zustände und Phasen können sich auf verschiedene Arten zeigen und sehr unterschiedlich erlebt werden. Um diese Erfahrungen zu beschreiben, verwendet man im Alltag und in der Fachsprache verschiedene Begriffe, die im Folgenden erklärt werden sollen:
– Überforderung oder Überlastung
Überfordert oder überlastet zu sein bedeutet, dass zu viele Reize sowie reale oder auch nur befürchtete Anforderungen oder Erwartungen gleichzeitig auf einen einströmen. Irgendwann kommt man nicht mehr hinterher, alles zu verarbeiten.
Das kann sowohl in einzelnen akut stressigen Situationen auftreten als auch bei Dauerbelastungen, z.B. bei hohem beruflichen oder privaten Pensum oder ungelösten Konflikten, wenn zu wenig Erholung möglich ist.
Meist merkt man durch das Gefühl, dass einem alles zu viel ist oder man nicht mehr kann, dass man überlastet ist. Gleichzeitig spürt man aber oft auch, dass man innerlich angespannt oder reizbar ist und sich am liebsten einfach nur zurückziehen und seine Ruhe haben zu will. Diese Veränderungen sind häufig erste Hinweise darauf, dass die eigene Belastungsgrenze überschritten ist.
– Erschöpfung und Burnout
Erschöpfung beschreibt einen anhaltenden Zustand von Müdigkeit und innerer Leere, der sowohl körperlich als auch mental spürbar ist. Alltägliche Dinge werden anstrengender und häufig bleibt dieses Gefühl auch trotz Ruhe und Pausen bestehen, so als würde sich der Akku nicht mehr vollständig aufladen. Im Unterschied zur akuten Überforderung entwickelt sich Erschöpfung meist schleichend und bleibt eher über einen längeren Zeitraum bestehen.
Bei einem Burnout handelt es sich um einen längerfristigen Zustand chronischer Erschöpfung, der oft durch dauerhafte Überlastung entstanden ist. Man fühlt sich ausgebrannt, innerlich distanziert und weniger belastbar und leistungsfähig. Dinge, die man früher gut geschafft hat, fühlen sich zunehmend schwer oder kaum noch zu bewältigen an. In schweren Fällen kommen Betroffene gar nicht mehr aus dem Bett. Häufig beginnt ein Burnout im beruflichen Kontext. Er kann jedoch auch in anderen Lebensbereichen entstehen oder sich auf diese ausweiten und das gesamte Erleben von Alltag und Leistungsfähigkeit beeinflussen.
– Shutdown und Meltdown
Ein Shutdown beschreibt einen Zustand von starkem Rückzug oder Abschalten als Reaktion auf Überlastung. Er wird besonders im Zusammenhang mit Autismus beschrieben. Betroffene wirken dann nach außen hin sehr ruhig oder abwesend, fühlen sich aber innerlich leer, blockiert oder als könnten sie nicht mehr richtig reagieren. Häufig fällt es ihnen in diesem Zustand schwer zu sprechen oder es ist zeitweise gar nicht mehr möglich.
Ein Meltdown bedeutet eine starke, oft nach außen hin deutlich sichtbare Form der Überforderung und zeigt sich ebenfalls häufig bei autistischen Menschen. Er tritt meist dann auf, wenn die Überlastung sehr stark ist oder über längere Zeit anhält und keine ausreichende Entlastung möglich war. Dabei kommt es zu starken emotionalen Reaktionen wie unkontrolliertem Weinen, Wutausbrüchen oder einem Gefühl des Kontrollverlustes. Wichtig ist zu verstehen, dass das nicht bewusst oder absichtlich passiert. Die betreffenden Personen versuchen damit nicht, andere zu manipulieren oder etwas Bestimmtes zu erreichen, sondern erleben sich in dieser Situation oft selbst als hilflos und ausgeliefert.
All diese Begriffe beschreiben unterschiedliche Formen und Ausprägungen von Überlastung; sie entstehen aber alle auf einer ähnlichen Grundlage: Das Nervensystem ist überlastet und kann nicht mehr ausreichend regulieren, was an Reizen, Anforderungen oder innerem Druck vorhanden ist. Die darauf folgenden Zustände sind entsprechend ein Versuch des Systems, sich wieder herunterzuregulieren und in Balance zu kommen. Aus dieser Perspektive verstanden, sind sie also kein Fehler, sondern ein Zeichen, dass der Körper und das Gehirn dabei sind, das innere Gleichgewicht wiederherzustellen.
Überlastung erkennen: Was sind typische Auslöser
Es gibt viele verschiedene Faktoren, die zu Überlastung und Erschöpfung führen können. Bei sensiblen und neurodivergenten Menschen können diese Faktoren stärker wirken und dadurch früher zu Überforderung führen. Das heißt nicht, dass sie etwas falsch machen oder nicht belastbar wären, sondern lediglich, dass ihr Nervensystem anders arbeitet, Informationen stärker wahrnimmt und tiefer verarbeitet. Daher ist es einfach eher „voll“.
Typische Auslöser sind:
– Reizüberflutung (Overload)
Starke oder zu viele Reize wie großer Lärm, grelles Licht, Gerüche oder einfach viele Eindrücke auf einmal können für sensible und neurodivergente Menschen schnell überwältigend wirken. Die Schwelle zur Reizüberflutung wird daher eher erreicht.
– Soziale Anforderungen
Soziale Situationen wie Gespräche, Smalltalk, private Treffen oder berufliche Meetings können viel Energie kosten, vor allem wenn echte oder gedachte Erwartungen mitschwingen oder man sich anpassen möchte. Viele sensible und neurodivergente Menschen erleben schon das bloße Teilnehmen an Gesprächen als anstrengend, besonders wenn sie dabei viele Eindrücke gleichzeitig verarbeiten müssen. Das kann sich z.B. nach einem Arbeitstag mit vielen Gesprächen zeigen oder nach einem Treffen, besonders wenn man das Gefühl hatte, dabei „funktionieren“ zu müssen.
– Masking und Daueranpassung
Masking bedeutet, sich bewusst oder unbewusst anzupassen, um nach außen hin unauffällig oder „funktional“ zu wirken. Das kann heißen, dass man seine Gefühle zurückhält, seine Reaktionen steuert oder sein Verhalten stark kontrolliert. Dieses ständige Anpassen kostet sehr viel Energie und führt dann oft dazu, dass man sich innerlich zunehmend erschöpft fühlt. Das kann sich beispielsweise nach einem eigentlich ganz „normalen“ Termin zeigen, obwohl äußerlich alles okay und das Treffen vielleicht sogar auch angenehm war.
– Unvorhersehbarkeit und fehlende Struktur
Wenn Abläufe unklar sind, Pläne sich oft ändern oder man nicht weiß, was als Nächstes passiert, entsteht – besonders bei autistischen Menschen – schnell innere Anspannung. Das Gefühl, keine Orientierung zu haben, hält den Körper oft in Alarmbereitschaft, was auf Dauer sehr erschöpfen kann. Man merkt das z.B. daran, dass einen kurzfristige Planänderungen im Alltag oder bei der Arbeit innerlich aus dem Takt bringen.
– Emotionale Belastung
Konflikte, Spannungen oder anhaltende Unsicherheit können viel Kraft ziehen. Auch das Mitfühlen mit anderen, was besonders bei hochsensiblen Menschen oft stark ausgeprägt ist, kann belasten. Wenn Gefühle lange „in der Luft hängen“ und sich nicht gut lösen lassen, bleibt das oft auch innerlich hängen und wird mit der Zeit anstrengend. Das kann z.B. nach einem Streit passieren, der einen noch stunden- oder tagelang beschäftigt.
– Zu wenig Regeneration oder Pausen
Wenn über längere Zeit kaum echte Pausen möglich sind, sammelt sich Belastung immer weiter an. Das passiert oft im Alltag, wenn alles straff durchgetaktet ist. Oder wenn Pausen zwar grundsätzlich da sind, man aber trotzdem nicht wirklich runterkommt, weil man innerlich schon beim nächsten Programmpunkt ist. Ohne genug Erholung bleibt der Körper dauerhaft im Anspannungsmodus. Das kann sich z.B. zeigen, wenn man abends nicht zur Ruhe kommt, weil der Kopf immer noch an ist.
– Auslöser für Shutdowns und Meltdowns
Shutdowns entstehen häufig, wenn über längere Zeit zu viele Reize, Anforderungen oder soziale Belastungen zusammenkommen und kaum echte Erholung möglich ist. Oft ist es nicht ein einzelner Auslöser, sondern ein schleichendes Zuviel, bei dem der Körper und das Gehirn irgendwann nicht mehr weiterverarbeiten können. Sie ziehen dann quasi die Reißleine und machen „dicht“, um eine Verarbeitung zu ermöglichen.
Meltdowns entstehen eher dann, wenn der innere Druck sehr hoch wird und sich nicht mehr regulieren lässt. Das kann durch akute Reizüberflutung, starke emotionale Belastung oder das Gefühl entstehen, keinen Ausweg oder keine Entlastung zu haben. Häufig spielt auch eine länger aufgebaute Anspannung eine Rolle. Ein Meltdown ist dann eine Entladung, um die Spannungen im Inneren abzubauen.
Woran kann man beginnende Überlastung erkennen?
Auch wenn Überlastungszustände plötzlich auftreten können, entwickeln sie sich oft eher schleichend und zunächst unbemerkt. Sie zeigen sich zuerst in kleinen Veränderungen im Körper, in den Gedanken, Emotionen oder im Verhalten. Viele dieser Signale werden im Alltag leicht übersehen oder als „normaler Stress“ eingeordnet. Genau deshalb ist es hilfreich, sie möglichst frühzeitig wahrzunehmen, noch bevor die Belastung zu groß wird.
Frühe Anzeichen und Warnsignale zeigen sich oft auf mehreren Ebenen gleichzeitig:
– Körperliche Warnsignale
Überlastung zeigt sich sehr häufig zuerst im Körper, ganz besonders bei neurodivergenten Menschen. Typisch sind dabei Müdigkeit, innere Anspannung, Kopfschmerzen oder Schlafprobleme. Man merkt, dass man schneller erschöpft ist oder der Körper sich dauerhaft angespannt anfühlt.
– Emotionale Warnsignale
Auf emotionaler Ebene kann sich Überlastung dadurch zeigen, dass man sich schnell reizbar, innerlich unruhig oder leicht überfordert fühlt. Selbst Kleinigkeiten können dann schnell zu viel wirken wie die sprichwörtliche „Fliege an der Wand“, die das Fass zum Überlaufen bringt.
– Kognitive Warnsignale
Was das Denken betrifft, kann man Überlastung erkennen, wenn es einem schwerer fällt, sich zu konzentrieren oder klar zu denken. Es kann sich so anfühlen, als hätte man einen „Nebel im Kopf“ (brain fog). Und selbst einfache Entscheidungen können einem plötzlich sehr schwierig und überwältigend vorkommen.
– Warnsignale im Verhalten
Im Verhalten zeigt sich Überlastung oft durch Rückzug, dass man weniger sprechen möchte oder durch das Bedürfnis, sich von Reizen und Menschen mehr als üblich fernzuhalten. Alltägliche Aufgaben wirken dann schnell anstrengend und überwältigend und man schafft weniger oder braucht mitunter deutlich länger, um sich dazu aufzuraffen oder sie zu bewältigen.
– Warnsignale bei Shutdowns und Meltdowns
Besonders bei autistischen Menschen kann sich Überlastung auch als Rückzug oder Abschalten (Shutdown) oder durch intensive emotionale Reaktionen (Meltdown) zeigen.
Ein Shutdown kündigt sich oft dadurch an, dass alles zunehmend anstrengender wird und man sich innerlich immer mehr zurückzieht. Gespräche fallen schwerer, Reize werden schneller zu viel und das Denken wirkt langsamer oder blockiert. Der Kopf fühlt sich „voll“ an und als ob weitere Eindrücke nicht mehr richtig verarbeitet werden können. Manche bemerken auch ein Gefühl von innerer Leere oder dass sie irgendwie nicht mehr richtig da sind.
Im Unterschied dazu ist das Warnsignal eines beginnenden Meltdowns, dass die innere Anspannung plötzlich stark ansteigt, ähnlich einem Druckkessel. Verbunden ist das häufig mit dem Gefühl, dass es im Außen gerade keinen Hebel mehr gibt, um den Auslöser zu stoppen oder zu verändern. Betroffene spüren oft, dass sie sehr reizbar sind und selbst kleine Dinge schnell zu viel werden. Dazu kommt das Gefühl, gleich zu explodieren oder zu implodieren, die Kontrolle zu verlieren und sich gerade noch zurückhalten zu können.
Warum Überlastung oft nicht eingeordnet werden kann
Viele sensible und neurodivergente Menschen merken oft lange gar nicht richtig, dass sie überlastet sind, oder verstehen nicht, warum sie immer so erschöpft sind. Dafür kann es mehrere Gründe geben:
Wenn sich das Belastungsniveau schleichend erhöht, kann es sein, dass man das gar nicht bemerkt. Man erkennt dann den Punkt, an dem es zu viel wird, nicht mehr so leicht. Wer über längere Zeit oder vielleicht sogar sein ganzes Leben lang an ein hohes Stress- und Belastungsniveau gewöhnt ist, kann das außerdem als normal empfinden, erschöpft zu sein.
Erschöpfung wird auch häufig nicht als Warnsignal verstanden, dass es für das eigene System eigentlich zu viel ist, sondern als normale Anstrengung, Stress oder persönliche Schwäche fehlinterpretiert.
Hinzu kommt, dass man seine Ansprüche an sich selbst oft an der wahrgenommenen Norm festmacht. Dann kann es sein, dass man seine Erschöpfung durchaus spürt, sich aber trotzdem zum Durchhalten motiviert. Andere schaffen es ja schließlich auch. Auch hier wird die eigene Erschöpfung eher als Überreaktion und Schwäche bewertet und nicht als etwas, das ernst genommen werden darf.
Das passiert besonders dann, wenn man nicht weiß, dass man sensibel oder neurodivergent ist und dadurch permanent an seinem System vorbei agiert, ohne genau zu verstehen, warum einen manche Dinge stärker belasten als andere.
Ein weiterer wichtiger Faktor ist, dass Überlastung oft nach außen hin kompensiert wird, weil man nicht negativ auffallen will oder früh gelernt hat, dass Funktionieren wichtiger ist als die eigenen Grenzen. Viele passen sich an oder „reißen sich zusammen“ und wirken dadurch nach außen hin stabil, obwohl innerlich schon deutliche Überlastungs- oder Erschöpfungszeichen da sein. Das kann es auch für einen selbst schwermachen zu erkennen, dass es eigentlich zu viel ist.
Und letztlich kann es schwierig sein, die eigenen Bedürfnisse und Grenzen zu spüren, besonders wenn man stark nach außen orientiert ist. Oft merkt man sie dann nur sehr diffus oder sehr spät.
Das Wissen um diese möglichen Gründe kann es einem erleichtern, die eigene Überlastung und Erschöpfung früher zu bemerken und ernstnehmen.
Strategien zum Gegensteuern
Nun geht es darum, was dazu beitragen kann, Überlastung und Überforderung zu verringern und vorzubeugen. Im Sinne der Prävention ist es natürlich immer sinnvoll, möglichst früh anzusetzen, um schwerere Zustände leichter vermeiden zu können. Gerade bei sensiblen Nervensystemen wird das aber möglicherweise nicht in jedem Moment perfekt gelingen. Aber auch für den Akutfall gibt es Möglichkeiten, die einem helfen können, schneller wieder in die Balance zu kommen.
– Akute Überlastung
Im Moment einer akuten Überlastung kann es helfen, zunächst einmal alle Reize zu reduzieren, so weit das in der Situation möglich ist. Man kann sich an einen ruhigeren Ort zurückziehen oder die Zahl der Eindrücke reduzierten, z.B. sich von Geräuschen abzuschirmen (Fenster schließen, Schallschutzkopfhörer verwenden) oder auch kurz die Augen schließen.
Auch Rückzug von anderen Menschen kann in solchen Momenten sehr hilfreich sein, z.B. indem man kurz den Raum verlässt oder die anderen um eine Pause bittet.
Außerdem kann es entlasten, Anforderungen zu reduzieren, z.B. indem man Kommunikation vereinfacht (kurze Antworten geben, wenig erklären oder begründen, sagen, dass man kurz Ruhe braucht), nicht dringende Entscheidungen erst einmal aufschiebt oder Aufgaben kurz unterbricht.
Das Wichtigste ist hier wahrscheinlich vor allem, sich innerlich die Erlaubnis zu geben, gerade nicht voll zu „funktionieren“.
Es geht also um eine kurzfristige Entlastung, und darum, den Druck sowohl im Inneren als im Äußeren kurz rauszunehmen. Dadurch bekommt das Nervensystem Raum, die Reize zu verarbeiten und sich schneller wieder zu regulieren.
– Erschöpfung und Burnout
Starke Erschöpfung und Burnout sind oft Folge einer länger anhaltenden Überlastung. Darum geht es hier im Gegensatz zur akuten Überlastung eher um grundsätzliche, längerfristige Veränderungen.
Das bedeutet konkret, dass man regelmäßig echte Pausen einbaut, z.B. ohne Input ruhig dasitzen oder liegen, ohne Ziel spazieren gehen, die Augen schließen, bewusst Reize zu reduzieren oder etwas zu tun, das einen wirklich beruhigt statt zusätzlich stimuliert. Gleichzeitig kann es hilfreich sein, sogenannte Pseudo-Pausen zu vermeiden, bei denen man nicht wirklich abschaltet und sich danach nicht wirklich ausgeruht fühlt (z.B. am Handy scrollen, Videos konsumieren, schnell noch etwas erledigen, gedanklich weiter bei der Arbeit sein).
Außerdem geht es darum, die Anforderungen generell zu reduzieren, Prioritäten neu zu setzen (was ist wirklich nötig oder wichtig und was nicht?) und langfristige Belastungen genauer anzuschauen und anzupassen. Vielleicht gehört dazu auch, zu akzeptieren, dass man langsamer wird und weniger schafft als bisher, statt weiterhin etwas erzwingen zu wollen, das auf Dauer nicht durchhaltbar ist. Hier kann es möglicherweise hilfreich sein, sich Unterstützung zu holen, entweder im privaten Umfeld oder durch professionelle Hilfe.
– Shutdown und Meltdown
Bei Shutdowns und Meltdowns ist das Ziel, sich möglichst zu schützen, zu stabilisieren und gut durch den jeweiligen Zustand durchzukommen.
Bei einem beginnendem Shutdown kann es helfen, alle Reize so weit es geht zu reduzieren und sich in einen ruhigen, abgedunkelten Raum zurückzuziehen. Man muss sich nicht zum Sprechen zwingen, sondern kann versuchen, die Kommunikation auf das Nötigste zu reduzieren und so weit wie möglich zu vereinfachen. Also z.B. nur nicken oder den Kopf schütteln, kurze Wörter verwenden oder schriftlich kommunizieren, was Betroffenen in solchen Situationen oftmals deutlich leichter fällt. Es kann helfen, sich hinzusetzen oder hinzulegen und eine Decke zu benutzen. Manche Menschen empfinden hier Gewichtsdecken als angenehm, manche eher nicht. Und auch bekannte Dinge können entlastend wirken wie z.B. die Lieblingsmusik oder ein vertrauter Ort in der eigenen Wohnung.
Das Wichtigste ist, sich keinen Druck zu machen, möglichst schnell wieder „funktionieren“ zu müssen. Das kann den Shutdown unangenehmer machen und unnötig verlängern. Er lässt schneller wieder nach, wenn man sich Zeit gibt.
Bei einem Meltdown ist es ebenso hilfreich, alle Reize sofort und so gut es geht zu reduzieren. Auch Abstand zu anderen kann helfen, wenn das möglich ist. Währenddessen ist es nicht sinnvoll, etwas erklären zu müssen. Stattdessen kann es schneller zu einer Erleichterung führen, wenn man es zulässt, dass der Körper die Anspannung abbauen kann, also z.B. durch Weinen oder auch durch Bewegung (besonders wenn Wut im Vordergrund steht).
Einen Meltdown sollte man nicht versuchen zu stoppen. Meist funktioniert das nicht und würde auch nur dafür sorgen, dass sich weiter etwas im Inneren anstaut. Ziel ist es eher, ihn sicher ablaufen zu lassen, ohne zusätzliche Überforderung oder Druck. Und es kann auch helfen, sich bewusst zu machen, dass er in jedem Fall wieder vorbeigeht.
– Früh ansetzen
Um akute Überlastungsreaktionen zu verhindern, ist es natürlich sinnvoll, wenn man möglichst zeitig ansetzt. Je früher man bemerkt, dass es Richtung Überlastung und Überforderung geht, und je früher man reagiert, desto weniger eskaliert es.
Warnsignale wahrnehmen
Das bedeutet vor allem, die eigenen Warnsignale besser wahrzunehmen. Und zwar noch bevor es zu viel wird. Man kann z.B. immer mal schauen, wie es einem gerade geht und ob man im Körper irgendwo Anspannung, Müdigkeit oder Reizempfindlichkeit spürt. Wichtig ist dabei, auf die kleinen Veränderungen zu achten, nicht nur die großen. Man kann auch vergangene Überlastungssituationen reflektieren und rückblickend überlegen, ob es frühe Anzeichen gab, die man vielleicht übergangen hat. Oder ob es typische Überlastungsmuster gibt, z.B. dass man nach sozialen Terminen erschöpft ist.
Warnsignale ernstnehmen
Nach dem Wahrnehmen kommt das Ernstnehmen. Das bedeutet, die Warnsignale nicht wegzuargumentieren („Ist doch nicht so schlimm“) oder sich mit anderen zu vergleichen. Man darf sich selbst glauben, dass es tatsächlich gerade zu viel ist und früh reagieren, auch wenn man das Gefühl hat, dass es eigentlich noch geht.
Pausen einplanen
Am besten plant man Pausen ein, bevor die Erschöpfung da ist. Kürzere und häufigere Pausen sind oft sinnvoller als seltene und späte. Wie bereits bei den Strategien gegen akute Überlastung erwähnt, ist es wichtig, die Pausen wirklich als Pausen zu nutzen, also währenddessen den Input wirklich zu reduzieren und nicht trotzdem weiter zu „funktionieren“. Außerdem kann es besonders nach anstrengenden oder belastenden Situationen gut tun, wenn man sich bewusst Zeit nimmt, um sich zu erholen.
Grenzen setzen
Es ist sinnvoller, früh kleine Grenzen zu setzen statt später große. Dabei kann man ruhig einfache Sätze nutzen („Das ist mir gerade zu viel“, „Ich brauche eine Pause“) und muss nicht alles groß erklären oder sich rechtfertigen. Dabei darf man ruhig die eigene Kapazität als Maßstab nehmen und nicht die Erwartungen von außen. Grenzen zu setzen kann sich zunächst ungewohnt oder unangenehm anfühlen und vielleicht auch erstmal zu Widerstand und Unverständnis beim Umfeld führen. Mit kleinen Schritten und mit etwas Zeit wird es sich aber oft leichter anfühlen und von den anderen mehr akzeptiert werden.
– Überlastung langfristig vorbeugen
Langfristig hilft es besonders, wenn man sein Leben und seinen Alltag nach Möglichkeit so gestaltet, dass es zu einem selbst und seinen Bedürfnissen passt. Es geht dabei darum, nicht mehr nur auf Überlastung zu reagieren, sondern sie gar nicht erst dauerhaft entstehen zu lassen.
Eigenen Energiehaushalt beachten
Den eigenen Energiehaushalt mehr zu beachten, heißt wahrzunehmen, was Energie kostet und was Energie gibt, und typische „Energieräuber“ zu erkennen (z.B. soziale Situationen, Reize, Zeitdruck). Das kann einem ermöglichen, die eigenen Belastungsgrenzen realistischer einzuschätzen und nicht dauerhaft über die eigenen Grenzen hinauszugehen. Hier ist es wichtig zu verstehen, dass die eigene Kapazität schwanken kann: Manchmal gibt es Zeiten mit mehr, manchmal mit weniger Energie. Auch das ist ganz normal.
Alltag bewusst gestalten
Den Alltag bewusster zu gestalten, kann bedeuten, dass man mehr Struktur hineinbringt, z.B. durch klare Abläufe oder Routinen. Es kann entlasten, seine Aufgaben zu planen, statt spontan alles gleichzeitig erledigen zu wollen. Auch klare Prioritäten zu setzen, kann helfen. Nicht alles ist gleich wichtig, auch wenn es sich vielleicht so anfühlt. Größere Aufgaben lassen sich oft leichter bewältigen, wenn man sie in kleinere Schritte aufteilt.
Realistisch planen
Ebenso kann es sinnvoll sein, bewusster mit Terminen und Verpflichtungen umzugehen und lieber realistisch statt zu knapp zu planen. Hilfreich ist es hier auch, Pufferzeiten einzubauen. Das kann so aussehen, dass man zwischen Terminen etwas Zeit lässt und Übergänge einplant (z.B. nach sozialen Situationen). Insgesamt kann es helfen, sich nicht jeden Tag komplett vollzupacken, sondern Pausen für Leerlauf und Nichtstun zu lassen.
Erholung und Selbstfürsorge
Um echte Erholung zu ermöglichen, ist es auch hier sinnvoll, regelmäßig Pausen einzubauen, die wirklich entlasten. Ebenso unterstützt es, sich Zeit für sich selbst zu nehmen, ohne ein bestimmtes Ziel oder den Anspruch, etwas leisten zu müssen. Nach anstrengenden oder belastenden Tagen kann es außerdem hilfreich sein, gezielt runterzufahren, statt noch mehr erledigen zu wollen.
Ein weiterer wichtiger Baustein, um Überlastung langfristig vorzubeugen, ist die Selbstfürsorge im Alltag. Damit ist gemeint, die eigenen Bedürfnisse aktiv zu berücksichtigen und regelmäßig Dinge zu tun, die einem guttun, auch kleine. Es kann helfen, nicht erst dann zu reagieren, wenn es schon zu viel geworden ist, sondern früher auf sich zu achten. Ebenso wichtig ist es, sich zu erlauben, auch mal langsam zu sein oder weniger zu machen, und Unterstützung anzunehmen, wenn man sie braucht.
Schauen Sie, was von diesen Tipps für Sie und Ihre Lebenssituation passt und was nicht. Fangen Sie wie immer lieber mit kleinen Schritten und Veränderungen an, als alles auf einmal umzukrempeln. Meist ist das nachhaltiger und oft braucht es auch keine Generalveränderung des Lebens, um Überlastung spürbar zu reduzieren und mehr Erholung zu finden.
Fazit
Überlastung, Erschöpfung und andere Formen der Überforderung gehören für viele sensible und neurodivergente Menschen zum Alltag. Oft werden sie dabei nicht rechtzeitig richtig eingeordnet. Gerade weil sich diese Zustände langsam entwickeln können, ist es nicht immer leicht zu erkennen, ab wann aus normaler Anstrengung Überlastung wird.
Um Überlastung erkennen und gegensteuern zu können, ist es daher wichtig, die eigenen Signale frühzeitig wahr- und ernstzunehmen. Schon kleine Veränderungen im Körper, in den Gedanken, in den Emotionen oder im Verhalten können Hinweise darauf sein, dass es gerade zu viel wird. Man wird so nicht immer perfekt alles vermeiden können. Aber je besser man sich selbst versteht und auf seine Bedürfnisse eingeht, desto mehr kann man spürbar Entlastung finden.
Eine hohe Sensibilität und ein besonderes Nervensystem verdienen auch einen besonderen Schutz und man darf sich selbst erlauben, sich gut um sich zu kümmern.
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