Neurodivergenz & Autismus

Bin ich vielleicht autistisch? – Woran man Autismus im Erwachsenenalter erkennen kann

Onlineberaterin Wald Luftbild

„(Sogenannter) milder Autismus heißt nicht, dass jemand Autismus als mild erlebt. Es heißt, dass DU ihren Autismus als mild erlebst. Du weißt vielleicht nicht, wie hart sie dafür gearbeitet haben, um auf das Level zu kommen, auf dem sie sind.“

Adam Walton, autistischer Aktivist und Blogger

Wenn Sie auf diesen Artikel gestoßen sind, dann vermutlich, weil Sie sich die Frage stellen: „Bin ich vielleicht autistisch?“ Oder: „Könnte es sein, dass ich autistisch bin?“

Vielleicht ist diese Frage erst vor Kurzem aufgetaucht, z.B. durch einen Artikel, den Sie gelesen haben, durch ein Gespräch mit jemandem, durch einen Test, den Sie gemacht haben, oder weil Sie sich in den Erfahrungen anderer Menschen wiedererkannt haben, z.B. auf Social Media oder in Ihrem persönlichen Umfeld. Vielleicht beschäftigt sie Sie aber auch schon länger und Sie haben bisher noch keine klare Antwort für sich gefunden und sind deswegen hier gelandet.

Die Frage, ob man vielleicht autistisch ist, kann innerlich sehr viel aufwühlen und gleichzeitig auch viele Zweifel hervorrufen. Autismus könnte endlich eine Erklärung für vieles sein. Gleichzeitig gibt es für viele der autistischen Merkmale auch andere mögliche Ursachen. Und wenn man sich über viele Jahre an seine Umwelt angepasst hat und versucht hat zu funktionieren, ist es manchmal schwer zu unterscheiden: Was davon ist einfach meine Persönlichkeit? Was hängt möglicherweise mit meiner Sensibilität zusammen? Ist es doch „nur“ Angst? Und was hat vielleicht doch etwas mit Autismus zu tun?

Dieser Artikel kann natürlich keine Diagnostik ersetzen und wird daher Ihre Frage leider auch nicht endgültig beantworten können. Er möchte Ihnen aber einige Fragen an die Hand geben, mit denen Sie Ihr eigenes Erleben und Ihre Lebensgeschichte genauer betrachten können, um am Ende eine fundierte Entscheidung zu treffen, wie es weitergehen kann.

Was ist Autismus?

Bevor wir zu den Fragen kommen, möchte ich kurz erklären, was Autismus ist – so wie wir ihn heute verstehen.

Autismus ist eine neurobiologische Entwicklungsvariante. Das bedeutet vereinfacht gesagt, dass sich das Gehirn anders als das von nicht-autistischen Menschen entwickelt und in bestimmten Bereichen anders funktioniert. Beispielsweise werden Sinneseindrücke anders verarbeitet, Aufmerksamkeit anders gelenkt und soziale Informationen anders wahrgenommen und eingeordnet.

Die Ursachen dafür sind komplex und werden in erster Linie durch genetische Faktoren beeinflusst. Auch nicht-genetische Einflüsse während der frühen Entwicklung können eine Rolle spielen. Autismus ist demnach angeboren beziehungsweise entsteht früh in der Entwicklung.

Autismus ist nach unserem heutigen Wissensstand sehr unterschiedlich ausgeprägt und man spricht daher inzwischen vom „Autismus-Spektrum“. Die Bandbreite reicht dabei von Menschen, die im Alltag umfassende Unterstützung benötigen, bis hin zu Menschen, deren Autismus nach außen kaum erkennbar ist.

Manche autistische Menschen haben bereits als Kind deutliche Schwierigkeiten mit Sprache, sozialer Interaktion, Reizverarbeitung und Veränderungen (früher als „klassischer Autismus“ bezeichnet). Andere können fließend sprechen und selbstständig leben, fallen aber vor allem durch besondere Interessen, ein starkes Bedürfnis nach Struktur oder Schwierigkeiten mit sozialen Situationen auf (früher „Asperger-Syndrom“ genannt).

Und dann gibt es noch autistische Menschen, die ihre Besonderheiten so gut zu überspielen lernen, dass ihr Umfeld lange nichts davon bemerkt oder die Schwierigkeiten anders einordnet, z.B. als Schüchternheit oder Angst. Sie passen sich an, beobachten andere und lernen soziale Regeln eher analytisch als intuitiv. Nach außen funktionieren sie gut, aber innerlich kostet diese Anpassung innerlich sehr viel Energie. Hierunter fallen viele spät erkannte Autisten, ganz besonders Frauen, die oft erst andere Diagnosen erhalten (z.B. Angststörung oder Borderline-Störung), bevor Autismus überhaupt als mögliche Erklärung im Raum steht.

1. Wie war ich als Kind?

Kommen wir nun zu den Fragen. Als erstes schauen wir in die Kindheit:

Autismus zeigt sich bereits in der frühen Kindheit, bei einigen Kindern sogar sehr deutlich. Aber gerade bei Menschen, die erst später im Leben eine Autismus-Diagnose bekommen, kann es sein, dass sie als Kind eher „auffällig unauffällig“ waren, als „normales“ Kind galten und sich vielleicht sogar selbst als relativ normal erlebt haben.

Erst beim genaueren Hinsehen können einige Besonderheiten sichtbar werden: Diese autistischen Kinder haben oft schon früh das Gefühl, „irgendwie anders“ zu sein als die anderen. Sie gelten als eher schüchtern, zurückhaltend, ängstlich oder unsicher und beobachten oft viel.

Es fällt ihnen eher schwer, auf andere zuzugehen, Anschluss zu finden oder Freundschaften zu schließen und diese aufrechtzuerhalten. Andere Kinder sind oft eher gelegentliche Spielkameraden als echte Freunde. Soziale Regeln, also wie man sich in sozialen Situationen verhält und welche Erwartungen es gibt (z.B. wann man etwas sagen darf und wann nicht oder wann und wie lange man jemanden ansieht), erschließen sich ihnen nicht intuitiv, sondern lösen oft große Unsicherheit und Verwirrung aus und müssen kognitiv gesteuert gelernt werden.

Außerdem gelten sie als empfindlich oder sensibel gegenüber Reizen wie Licht, Geräuschen, gewissen Materialien, bestimmtem Essen oder unruhigen Umgebungen. Sie halten sich z.B. bei lauten Geräuschen schnell die Ohren zu. Nach einem Tag im Kindergarten wirken solche Kinder oft ungewöhnlich müde oder erschöpft. Oder sie mögen bestimmte Kleidung wegen der Stoffe oder der Etiketten nicht. Auf der anderen Seite ist es aber auch möglich, dass sie eher unempfindlich auf Reize reagieren, z.B. reden sie dann sehr laut, umarmen andere eher fest oder bemerken kleinere Verletzungen anscheinend gar nicht.

Oft spielen sie gerne und viel alleine und wirken dabei durchaus zufrieden mit sich und der Welt. Sie lieben es, sich systematisch mit Dingen auseinanderzusetzen, diese zu ordnen und zu sortieren, und haben tiefe Interessen, mit denen sie sich intensiv beschäftigen. Dabei müssen diese Themen gar nicht unbedingt außergewöhnlich sein, sondern können auch ganz typische Interessen sein, wie z.B. Tiere oder Basteln. Unterschiede zeigen sich eher darin, dass sie tief in diese Themengebiete einsteigen oder sehr viel Zeit damit verbringen und alles andere um sich herum darüber vergessen.

Sie legen großen Wert darauf, Dinge möglichst auf die selbe Art und Weise zu machen, z.B. ziehen sie sich immer in der gleichen Reihenfolge an oder schmieren ihr Brot immer auf die selbe Art. Sie bevorzugen vertraute Abläufe, z.B. sitzen sie immer immer auf dem selben Platz, bevorzugen bekannte Lebensmittel oder treffen ungern spontane Entscheidungen. Und sie wissen gerne vorher, was auf sie zukommt, also z.B. wer beim Kindergeburtstag dabei ist, wann die Eltern genau wiederkommen oder was genau in einer neuen Situation passieren wird. Spontane Änderungen und unvorhersehbare sowie unklare Situationen lösen dagegen oft großen Stress aus, der sich dann in Ängstlichkeit, Weinen oder einem Meltdown äußern kann. Nicht selten wird er aber auch gar nicht direkt nach außen sichtbar, sondern internalisiert (also nach innen gerichtet) und zeigt sich erst später in unklarer Reizbarkeit oder Erschöpfung.

Manchmal kann es allerdings schwer sein, seine Erlebnisse aus der Kindheit zu rekonstruieren, besonders wenn diese schon länger zurückliegt. Auch Eltern oder andere Verwandte – sofern diese verfügbar sind – können Schwierigkeiten haben, sich zu erinnern, ob man z.B. Probleme mit dem Blickkontakt hatte. Oder sie haben diese Dinge anders interpretiert, z.B. als Schüchternheit oder Ängstlichkeit. Aber oft lassen sich durch Gespräche und die Beschäftigung mit der Thematik doch einige Erinnerungen wieder auffrischen. Auch Dokumente von früher wie Zeugnisse oder Tagebuchaufzeichnungen können hilfreich sein.

„Ich war vielleicht als Kind nicht besonders auffällig, aber rückblickend gab es Dinge, die mich schon damals deutlich von anderen unterschieden haben.“

2. Wie erlebe ich soziale Situationen?

Nun gehen wir in die Gegenwart und schauen als erstes darauf, wie Sie soziale Situationen erleben.

Autistische Menschen, die später im Leben eine Diagnose erhalten, berichten oft, dass sie zwar durchaus soziale Situationen bewältigen und nach außen hin funktionieren können, dass es sich innerlich aber sehr anstrengend, schwierig oder verwirrend anfühlen kann. Es besteht also ein Unterschied zwischen „Ich kann das“ und „Es funktioniert intuitiv und mühelos“.

Sie haben oft Schwierigkeiten, überhaupt zu wissen, was sie sagen können und wie viel und wie lange sie reden können oder woran man erkennt, ob der andere wirklich zuhört oder gelangweilt ist oder wann man ein Gespräch beendet. Sie überlegen sich oft vorher, was sie sagen und wie sie sich verhalten können. Mitunter entwickeln sie Skripte, also was sie in bestimmten Situationen sagen und antworten können. Nach Gesprächen gehen sie diese oft nochmal durch und überlegen, ob sie etwas Falsches gesagt oder sich seltsam verhalten haben.

Smalltalk und unvorhergesehene soziale Situationen mögen sie in der Regel nicht besonders und fühlen sich möglichweise davon überfordert, weil sie nicht so richtig wissen, was sie sagen können, und nicht so richtig den Sinn in einem oberflächlichen Gespräch sehen.

Nicht selten kommt es vor, dass sich autistische Menschen aus diesen Gründen von vielen sozialen Situationen fernhalten oder sie mit viel innerer Unsicherheit durchstehen.

Es kann auch über die Kindheit hinaus weiterhin schwierig für sie sein, Freunde zu finden und Freundschaften aufrechtzuerhalten. Zum einen weil sie nicht oft jemanden treffen, mit dem sie auf einer Wellenlänge sind, und sich oft nicht so richtig zugehörig fühlen. Zum anderen aber auch, weil auch hier viel Unsicherheit darüber bestehen kann, wie Freundschaft eigentlich funktioniert (z.B. wann und wie oft man Kontakt aufnimmt, ob der andere überhaupt Interesse hat oder wieviel man von sich preisgibt, was andere von einem erwarten, etc.). Sie denken oft viel darüber nach, was in Beziehungen richtig oder angemessen ist. Das heißt aber nicht, dass Freundschaften oder Beziehungen zu haben, Autismus ausschließt.

Außerdem können soziale Kontakte sie viel Kraft kosten, selbst dann wenn sie angenehm sind, weil sie ständig aufmerksam sein und auf viele gleichzeitig reagieren müssen. Nach Treffen mit anderen fühlen sie sich daher oft erschöpft und brauchen erstmal ihre Ruhe oder wollen alleine ihren eigenen Hobbys und Interessen nachgehen.

„Ich kann mit anderen Menschen umgehen, aber es fällt mir nicht leicht und es kostet mich Kraft.“

3. Wie empfindlich reagiere ich auf Reize?

Reizempfindlichkeit bei Autismus zeigt sich oft durch eine grundsätzliche Reizoffenheit: Helles Licht, laute Geräusche, bestimmte Gerüche, bestimmte Kleidung, Berührungen, Menschenmengen sowie laute und unruhige Umgebungen (z.B. Supermärkte, öffentliche Verkehrsmittel, volle Cafés) sind schwer auszublenden. Diese Reize werden dabei nicht nur als „nervig“, sondern oft als sehr belastend bis hin zu unerträglich erlebt, während nicht-autistische Menschen diese in dem selben Ausmaß noch gut tolerieren können oder sie manchmal auch gar nicht bemerken.

Deswegen vermeiden autistische Menschen gewisse Reize nach Möglichkeit. Z.B. tragen sie nur bestimmte Kleidung (lockere Schnitte, glatte Stoffe, oft Naturfasern) und andere partout nicht (enge Kleidung, raue, kratzige Stoffe, Polyester, Mikrofaser), gehen nur in die Innenstadt oder ins Einkaufszentrum, wenn es unbedingt sein muss und dann möglichst zu ruhigeren Zeiten, halten sich schnell die Ohren zu oder tragen gerne geräuschunterdrückende Kopfhörer oder essen nur bestimmte Speisen, etc. Außerdem verspüren sie oft ein deutliches Bedürfnis nach Ruhe und Rückzug, um die vielen Reize zu verarbeiten und sich zu erholen.

Das bedeutet also, dass diese Reizempfindlichkeit nicht nur als unangenehm erlebt wird, sondern das Leben in einem deutlichen Ausmaß bestimmt und zu Vermeidungs- und Anpassungsstrategien führt.

Und gleichzeitig gibt es, wie bereits oben bei der Kindheit erwähnt, auch autistische Menschen, die eher hyposensibel, also ungewöhnlich reizUNempfindlich sind. Diese Personen kommen mit Hitze und Kälte außergewöhnlich gut klar, mögen oft sehr scharfe, süße oder harte Speisen, haben eine hohe Schmerztoleranz, bevorzugen extreme Sportarten oder spüren Hunger und Durst erst sehr spät. Hyper- und Hyposensibilität können aber auch gemeinsam auftreten, d.h. man nimmt einige Reize sehr stark wahr und andere dagegen nur schwach.

„Reize sind für mich nicht einfach nur unangenehm, sondern können sehr belastend sein, so dass ich mein Leben entsprechend anpassen muss.“ oder: „Manche Reize nehme ich kaum wahr oder brauche besonders starke Reize, um sie überhaupt zu bemerken.“

4. Wie gehe ich mit Veränderungen und Unvorhergesehenem um?

Es ist zunächst nicht ungewöhnlich, wenn man Veränderungen, vor allem spontane und ungeplante, nicht besonders mag: Ein Termin wird kurzfristig abgesagt oder verschoben, jemand kommt zu spät zu einem Treffen oder ein Plan ändert sich plötzlich.

Nicht-autistische Menschen sind dann in der Regel kurz genervt, können sich aber doch recht schnell an den neuen Ablauf anpassen, und der Stress lässt relativ schnell wieder nach. Autistische Menschen haben stattdessen eher das Gefühl, komplett aus dem Konzept gebracht worden zu sein und viel Energie aufwenden zu müssen, um sich umzustellen. Das kann nach außen hin ganz unspektakulär aussehen, daher finde ich es an dieser Stelle auch nochmal ganz wichtig zu erwähnen: Autismus ist nicht unbedingt das, was man nach außen hin sieht, sondern in erster Linie, dass die Wahrnehmung und die innere Verarbeitung anders funktioniert und oft mehr Energie kostet.

Autistische Menschen planen auch gerne und bereiten sich genau vor. Vor einem Termin möchten sie am liebsten wissen, was sie erwartet, wer dabei sein wird und wie lange es dauert. Unbekannte Situationen fühlen sich für sie leichter an, wenn sie sich vorher darüber informieren und gedanklich darauf einstellen können, z.B. den Fahrplan, den Zielort oder die Speisekarte im Internet recherchieren. Es kann schwerfallen, sich auf etwas einzulassen, auf das sie nicht vorbereitet waren oder wenn sie nicht genau wissen, was auf sie zukommt.

Routinen und feste Strukturen können zusätzlich Sicherheit geben. Oft gibt es bestimmte Abläufe, an denen autistische Menschen gerne festhalten, oder sie möchten Dinge auf eine bestimmte Art erledigen. Oft haben sie Listen und für alles Mögliche Systeme entwickelt: Die Spülmaschine wird z.B. in einer bestimmten Reihenfolge ausgeräumt, der Kühlschrank und eine bestimmte Art eingeräumt, die Wäsche in einer bestimmten Ordnung aufgehängt oder eine Einkaufsliste in der Reihenfolge geschrieben, in der die Artikel im Supermarkt auftauchen.

Was dann über eine ausgeprägte Ordnungsliebe hinausgeht, ist, was passiert, wenn man z.B. den Partner dabei beobachtet, wie er die Spülmaschine in einer anderen Reihenfolge ausräumt oder wenn der Supermarkt umgeräumt wurde. Für autistische Menschen kann das sehr unangenehm oder sogar sehr belastend sein, da das eigene System dann plötzlich nicht mehr funktioniert und es viel Aufwand und Zeit brauchen kann, sich umzustellen.

„Es bringt mich oft völlig aus dem Konzept, wenn sich Pläne oder Abläufe ändern, und es fällt mir schwer, mich auf die neue Situation einzustellen.“

5. Gibt es Dinge, in die ich besonders intensiv eintauche?

Autistische Menschen haben auch als Erwachsene oft Themen, mit denen sie sich besonders tief, intensiv und systematisch beschäftigen. Diese Themen können dabei ganz unterschiedlich und auch recht gewöhnlich sein, wie z.B. Handarbeiten, Tiere, Geschichte, Technik, Psychologie, Musik, bestimmte Serien oder ein berufliches Fachgebiet.

Sie verbringen dann oft viele Stunden damit, sammeln viele Informationen dazu und kommen immer wieder darauf zurück. Sie achten dabei sehr auf die Details und nehmen Kleinigkeiten wahr, die andere vielleicht gar nicht bemerken würden. Wenn sie sich für etwas interessieren, möchten sie es wirklich verstehen und durchdringen. Das führt dazu, dass sie sich tief in ein Thema einlesen und sich viele Informationen und Details dazu merken.

Es kann passieren, dass sie völlig in dieser Beschäftigung aufgehen und alles andere um sich herum vergessen. Sie merken dann manchmal kaum, wie die Zeit vergeht, und können andere Bedürfnisse wie Essen, Schlafen oder andere Aufgaben übergehen. Außerdem kann es ihnen schwerfallen, diese Tätigkeit zu unterbrechen, wenn etwas anderes ansteht.

Autisten erleben ihre Hobbys und Interessen dabei nicht nur als netten Zeitvertreib, sondern als etwas, das ihnen Sinn und Halt gibt in einer Welt, die sich für sie oft verwirrend und überwältigend anfühlt. Eigene Interessen sind dann etwas, das vertraut und nachvollziehbar erscheint und dadurch wichtig für die innere Stabilität ist.

„Wenn mich etwas interessiert, möchte ich es bis ins Detail verstehen, kann völlig darin versinken und finde darin sowohl große Freude, als auch Halt und Stabilität.“

6. Was passiert, wenn ich überfordert bin?

Dass man sich überfordert und erschöpft fühlt, wenn gerade viel los ist oder man emotional ungewöhnlich belastet ist, ist an sich etwas, dass auch nicht-autistische Menschen kennen. Der Unterschied liegt darin, dass autistische Menschen auch eigentlich völlig „normale“ Tage oder „normale“ Reize und Anforderungen als zu viel erleben – und das regelmäßig.

Ein Job, auch ohne ungewöhnliche Belastungen oder Anforderungen, der Haushalt, selbst wenn er klein gehalten, Einkaufen im Supermarkt oder Treffen mit Freunden, auch wenn sie angenehm sind, bedeuten für autistische Menschen oft große Anstrengung.

Wenn zu viele Eindrücke, Anforderungen oder soziale Situationen zusammenkommen, kann es sein, dass sie gereizter reagieren, schneller weinen, sich schlechter konzentrieren können oder das Gefühl haben, innerlich völlig überreizt zu sein. Manchmal kommt die Überforderung auch erst später, wenn sie wieder zu Hause sind.

Sie können dann mit Rückzug reagieren und möchten niemanden mehr sehen oder hören. Manche autistische Menschen werden in solchen Überlastungs- oder Überforderungssituationen sehr still, können kaum noch sprechen oder brauchen lange, bis sie wieder aufnahmefähig sind (ein sogenannter Shutdown). Bei anderen zeigt sich die Überforderung eher in einem Meltdown, also in einem starken emotionalen Ausbruch, der sich nicht einfach willentlich stoppen lässt und von einer deutliche Erschöpfung gefolgt wird. Mitunter erleben sie solche Shutdowns und Meltdowns aber nur zuhause in den sicheren vier Wänden und funktionieren „draußen“.

„Mein Alltag überfordert mich regelmäßig, obwohl objektiv gar nichts Besonderes passiert.“

7. Wie viel Anpassung steckt in meinem Alltag?

Starke Anpassung zeigt sich oft erstmals recht unspezifisch darin, dass man sich nach sozialen Situationen oft erschöpft fühlt, ohne dass man es sich richtig erklären kann. Das kann ein erster wichtiger Hinweis sein, dass im Alltag viel Anpassung stattfindet, möglicherweise sogar, ohne dass es einem wirklich bewusst ist.

Anpassung kann für autistische Menschen bedeuten, dass sie viel beobachten, wie andere sich verhalten, und versuchen, sich daran zu orientieren. Sie überlegen, wann und wieviel Blickkontakt man halten, wann man lächeln, etwas sagen oder lieber schweigen soll. Soziale Situationen sind für sie nicht selten von einem konstanten inneren Monolog begleitet, um die Situation richtig einzuordnen und herauszufinden, welches Verhalten gerade angemessen ist. Das ist sehr anstrengend.

Für diese autistischen Menschen kann der Eindruck entstehen, dass sie unter Menschen nicht so richtig sie selbst sind, sondern meistens eher eine Rolle spielen und auch vieles unterdrücken, um von anderen nicht als komisch wahrgenommen zu werden. Sie lächeln, um für freundlich gehalten zu werden, nehmen ihren Humor zurück, damit andere ihn nicht seltsam finden, oder stimmen anderen zu, auch wenn sie eigentlich eine andere Meinung haben. Und das passiert nicht nur gelegentlich, sondern quasi fast ständig und nahezu automatisch.

Oft spielen sie auch soziale Situationen (Telefonate, Treffen, Gespräche) vorher gedanklich durch. Sie überlegen sich, was sie sagen und wie andere reagieren könnten oder welche Antworten oder welches Verhalten passend wären. Wenn etwas anders läuft als erwartet, kann das zusätzlich verunsichern und viel Aufwand bedeuten, dann spontan zu reagieren, auch wenn das nach außen hin unsichtbar bleiben kann.

Das heißt, auch wenn diese Situationen alle äußerlich anscheinend problemlos gemeistert werden, kostet diese ständige Anpassung innerlich dennoch viel Kraft.

„Unter Menschen bin ich oft nicht einfach ich selbst, sondern beobachte, kontrolliere und passe mich ständig an, was mich viel Kraft kostet, auch wenn es nach außen hin vielleicht niemand bemerkt.“

8. Gibt es ein Muster, das sich durch mein Leben zieht?

Einzelne Merkmale sagen zunächst erst einmal wenig darüber aus, ob jemand autistisch ist oder nicht. Sie können durchaus auch bei nicht-autistischen Menschen vorkommen und andere Gründe haben. Wenn Sie sich aber in mehreren Bereichen wiedererkennen und sich diese Muster auch in Ihrem weiteren Leben durch verschiedene Phasen (Jugend, Ausbildung oder Studium, Erwachsenenalter, Berufsleben oder Elternschaft) hindurchziehen, kann es sich lohnen, genauer hinzuschauen.

Wichtig für die Unterscheidung zwischen Autismus und Nicht-Autismus sind drei Dinge:

  1. Es treten Merkmale aus mehreren Bereichen auf.
  2. Diese bestehen seit der frühen Kindheit (auch wenn sie sich über die Zeit verändern können).
  3. Sie prägen das Leben maßgeblich.

Wenn Sie also sagen:

  • Ja, ich fühle mich irgendwie anders als andere,
  • ich habe soziale Schwierigkeiten,
  • ich bin sehr reizsensibel (oder reizunsensibel),
  • Routinen sind für mich sehr wichtig,
  • Veränderungen bringen mich aus dem Konzept,
  • ich fühle mich vom normalen Leben oft überfordert und erschöpft,
  • ich steige gerne sehr tief in Dinge ein, die mich interessieren,
  • ich passe mich stark an,
  • und das war irgendwie schon immer so und hat sich auch nicht wirklich verändert, egal, was ich versucht habe
  • und es beeinflusst mein Leben deutlich,

dann wird Autismus zu einer durchaus plausiblen Erklärung. Bzw. es wird dann immer schwieriger, alternative Erklärungen zu finden, ohne gewisse kognitive Verrenkungen anstellen zu müssen. Man müsste dann sehr viele Dinge gleichzeitig annehmen (Persönlichkeit, Ängste, Hochsensibilität, Perfektionismus, Zwanghaftigkeit, evtl. Trauma etc.), die alle jeweils nur Teile erklären würden. Das ist natürlich theoretisch als Erklärungsmodell möglich. Sie können von Ihrer Neurobiologie her neurotypisch sein und die beschriebenen Besonderheiten erleben – und ist ja auch praktisch etwas, das viele Menschen von sich annehmen und mit dem sie arbeiten, bis das Thema Autismus im Raum steht. Dennoch erscheint Autismus hier als eine alternative Erklärung, die auf jeden Fall ernsthaft genauer geprüft werden darf.

„Je mehr dieser Merkmale zusammenkommen, je länger sie mich schon begleiten und je stärker sie mein Leben prägen, desto plausibler wird Autismus als gemeinsame Erklärung.“

Was bedeutet es, wenn ich mich in vielem wiedererkenne?

Wenn Sie sich in den beschriebenen Merkmalen wiederfinden, kann das einen ziemlich starken Aha-Effekt auslösen und vieles rückblickend plötzlich erklären. Das kann sehr aufwühlen und verständlicherweise auch die Frage aufwerfen, wie es jetzt weitergehen kann.

Wie bereits eingangs erwähnt, bedeutet es nicht automatisch, dass Sie wirklich autistisch sind, wenn Sie sich hier wiedererkennen. Gleichzeitig würde ich ein starkes Wiedererkennen auch nicht einfach vom Tisch wischen und sagen: „Das bilden Sie sich alles nur ein.“ Ganz im Gegenteil – ich möchte Sie ermutigen, den Gedanken, dass Sie möglicherweise autistisch sind, weiterzuverfolgen.

Sie könnten beispielweise eine Diagnostik machen. Vielen spät erkannten Autisten hilft es, eine offizielle Diagnose zu bekommen, besonders wenn sie sich ihr Leben lang gefragt haben, was mit ihnen nicht stimmt, was sie falsch machen oder ob sie sich einfach nur anstellen. Neben möglichen praktischen Vorteilen wie beispielsweise Nachteilsausgleichen, kann eine Diagnose eine wichtige Bestätigung sein, um den inneren Druck und Selbstzweifel zu reduzieren und mehr zu sich selbst zu stehen und sein Leben entsprechend seiner eigenen Bedürfnisse zu gestalten. Dabei ist Diagnostik derzeit nicht so leicht zugänglich – es gibt wenige Stellen mit oft langen Wartezeiten oder man muss sie privat finanzieren. Auch arbeiten manche Diagnostikstellen noch mit veralteten Annahmen über Autismus, was für Menschen mit eher unauffälligen Merkmalen eine Hürde darstellen kann. Das soll nicht entmutigen, eine Diagnostik zu machen, sondern einfach sensibilisieren.

Aber es ist natürlich niemand dazu gezwungen, eine Diagnostik zu machen. Gerade wenn Sie noch ganz am Anfang der Selbsterkenntnis stehen, kann es vielleicht zunächst auch erst einmal ausreichen zu wissen, dass Ihre Besonderheiten möglicherweise mit Autismus zusammenhängen könnten. Sie könnten sich in dem Fall erst einmal tiefer in die Materie einlesen (online, Bücher), Selbsthilfegruppen (offline, online) aufsuchen oder mit jemandem sprechen, der für die Idee offen ist (Partner, Familie, ggf. Freunde oder eine autismusspezifische Beratung). Und vielleicht ist es für Sie auch stimmig, für sich selbst zu dem Schluss zu kommen, dass Sie wahrscheinlich autistisch sind, und Ihr Leben auch ohne offizielle Diagnose entsprechend zu gestalten. Auch das ist absolut legitim.

Was bedeutet es, wenn ich mich nicht so richtig wiedererkenne?

Wenn Sie nach dem Lesen des Artikels zu dem Schluss gekommen sind, dass Sie wohl eher nicht autistisch sind, oder Sie sich unsicher fühlen, dann ist das dennoch eine wichtige Information.

Es kann andere Erklärungen für das, was Sie erleben, geben, z.B. Ängste, Hochsensibilität oder auch ADHS. Sie können sich mit diesen Alternativerklärungen beschäftigen und schauen, ob Sie sich dort eher wiederfinden. Gleichzeitig muss Autismus dennoch nicht zwingend ausgeschlossen sein. Gerade, wenn Sie sich noch unsicher fühlen und Sie das Thema nicht loslässt, kann es sinnvoll sein, sich nochmal genauer mit dem Thema auseinanderzusetzen oder vielleicht trotzdem eine Beratung zu suchen oder eine Diagnostik anzustreben, um mehr Klarheit zu bekommen. Scheuen Sie sich nicht, Ihre Zweifel mit jemandem zu besprechen. Je mehr Sie verstehen, was mit Ihnen los ist, desto besser können Sie auch Wege für sich finden, um mit Ihren Schwierigkeiten umzugehen und mehr Wohlbefinden und Zufriedenheit zu erlangen.

Wenn Sie bei sich Autismus vermuten und sich fragen, was Sie jetzt tun und wie Sie damit umgehen können, oder wenn Sie unsicher sind und sich Klarheit wünschen, begleite ich Sie gern in meiner psychologischen Onlineberatung per schriftlicher Nachrichten, Telefon oder Videogespräch dabei, einen guten Weg für sich zu finden.

Zum Weiterlesen:

Ein kurzer Selbsttest mit Fokus auf typische Merkmale bei autistischen Erwachsenen:

Mein Ratgeber „Masking verstehen – Wie ständige Anpassung entsteht und Entlastung möglich ist“ richtet sich an sensible und neurodivergente Menschen sowie alle, die sich stark anpassen. Er beschreibt, wie Masking und starke Anpassung entstehen, welche Folgen sie haben können und wie man behutsam und in kleinen Schritten „entmaskieren“ kann, um Entlastung zu finden.

Weitere Informationen finden Sie auf meiner Website: loesbar-online.de
Oder schreiben Sie mir direkt unter: info@loesbar-online.de


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