
Viele von uns hatten nach zwei Jahren Pandemie gerade Hoffnung geschöpft, dass jetzt mit Frühlingsbeginn zumindest für eine Weile Ruhe und Normalität in unser aller Leben einkehren könnte. Doch nun wird diese Hoffnung durch den Angriff Russlands auf die Ukraine überschattet und führt zu Gefühlen wie Angst vor Krieg auch bei uns, Wut, Fassungslosigkeit, Schock, Hilflosigkeit oder Ohnmacht. Viele fühlen mit den Menschen in der Ukraine mit und fragen sich besorgt, was die Zukunft jetzt bringen wird. Auf körperlicher Ebene erleben viele jetzt Unruhe, Schlafschwierigkeiten, Herzklopfen und weitere Symptome, die mit Angst und Stress in Verbindung stehen.
Sie sind damit also nicht alleine, es geht gerade vielen so wie Ihnen. Es gibt aber einiges, was Sie jetzt für sich tun können, damit es Ihnen besser geht.
Ich möchte in diesem Artikel darauf eingehen,
- ob es normal ist, jetzt Angst zu empfinden
- ob diese Angst berechtigt ist
- ob sie sinnvoll ist
- und was Sie gegen Ihre Angst tun können
Ist es normal, jetzt Angst vor Krieg zu haben?
Die kurze Antwort lautet: Ja. Wir alle haben seit Ende des Kalten Krieges in einem Gefühl der Sicherheit vor einer unmittelbaren Bedrohung gelebt. Menschen, die nach dem Kalten Krieg in Deutschland geboren wurden und gelebt haben, kennen gar nichts anderes. Natürlich gab es weiterhin Konflikte, Kriege und Bedrohungsszenarien auf der Welt, aber die waren alle entweder weit genug weg oder abstrakt genug, um uns ruhig schlafen zu lassen.
Doch dieser Konflikt jetzt ist ganz nah an uns dran, er ist direkt in Europa, nur wenige hundert Kilometer von Deutschland entfernt. Auch hat Putin gedroht, dass eine Einmischung anderer Länder ernsthafte Konsequenzen nach sich ziehen würde. Und auch, wenn er das nicht direkt angesprochen hat, so fürchten sich jetzt viele vor einem Atomkrieg.
Aber auch andere Gefühle sind jetzt normal, wie zum Beispiel Wut. Wir leben in einer Gesellschaft, die auf der Prämisse aufbaut, dass man Konflikte friedlich löst, indem man miteinander redet und Kompromisse findet oder sich notfalls eben aus dem Weg geht. Gewalt ist für uns nur in absoluten Ausnahmefällen akzeptabel, nämlich in Form von Notwehr, wenn wir direkt angegriffen werden. Und das ist hier ja nicht der Fall. Darum empfindet man Wut, dass hier jemand klar gegen unsere Werte verstößt.
Auch Hilflosigkeit und Ohnmacht sind normale Gefühle in so einer Situation. Man kann nicht direkt etwas tun, um den Konflikt zu beenden, die Menschen in der Ukraine zu beschützen oder die Bedrohung abzuwenden.
Was auch immer Sie jetzt also fühlen: Es ist ganz normal. Und es ist auch normal, dass es eine Zeit brauchen wird, bis Sie sich wieder beruhigen können. Geben Sie sich also Zeit.
Ist die Angst berechtigt?
Viele fragen sich jetzt ängstlich: Wird sich der Krieg bis zu uns ausweiten? Wird es zu einem Atomkrieg kommen?
Eine Antwort mit hundertprozentiger Sicherheit kann niemand geben, da wir nicht alle Fakten und auch Putin nicht persönlich kennen. Dennoch gibt es Dinge, die wir wissen, und Erfahrungswerte auf die wir zurückgreifen können.
Wie ich in meinem Artikel über die Funktionsweise unseres Gehirn geschrieben habe, ist die Aufgabe unseres Gehirns nicht, Gefahren realistisch einzuschätzen, sondern unser Überleben zu sichern. Das führt dazu, dass es dabei auch gerne mal über das Ziel hinausschießt und Gefahren als wahrscheinlicher ansieht, als sie es tatsächlich sind. Nach dem Motto: Lieber einmal zu viel weggerannt, als einmal zu wenig. Sich das bewusst zu machen, kann wichtig dabei sein, wenn wir versuchen, die Lage realistisch einzuschätzen. Nur weil wir Angst haben, heißt das nicht, dass wir wirklich so bedroht sind, wie wir uns fühlen.
Lassen Sie uns daher die Situation aus rationaler Sicht einschätzen:
Ganz allgemein gesprochen kommen Katastrophen durchaus vor, aber sie passieren dennoch sehr selten. Die Angst vor dem Weltuntergang ist bestimmt so alt wie die Menschheit selbst. Schon bevor es Atomwaffen gab, haben sich die Menschen davor gefürchtet, dass die Welt durch Naturkatastrophen oder dem Zorn der Götter vernichtet werden könnte. Jedoch ist bisher keines davon eingetreten. Ist es deswegen unmöglich? Nein, aber es ist auch nicht sehr wahrscheinlich.
Konkret fragen sich viele, wie es um den Zustand Putins bestellt ist und ob er in der Lage ist, einen Atomkrieg zu beginnen. Eine Ferndiagnose ist natürlich nicht möglich. Schauen wir jedoch auf die aktuelle Situation, dann sehen wir, dass der Konflikt nach wie vor regional ausgetragen wird. Das Ziel Putins ist also offenbar weiterhin, die Ukraine wieder unter seine Kontrolle zu bekommen. Würde er die Welt, inklusive sich selbst, in Schutt und Asche legen wollen, hätte er sich direkt mit der ganzen Welt anlegen können, was er aber nicht gemacht hat und weiterhin nicht tut.
Die langen Tische, die er zuletzt für Treffen benutzt hat, weisen außerdem darauf hin, dass er vor einer Bedrohung seiner Gesundheit und seines Lebens große Angst hat. Das heißt, sein eigenes Leben scheint ihm durchaus sehr wichtig zu sein, wenn er sich auf so übertriebene Weise schützt.
Die Drohungen gegenüber dem Westen waren bisher sehr vage und sind daher auch eher als Drohungen, sich nicht einzumischen, zu verstehen. Es fällt eher unter psychische Kriegsführung und soll zur Einschüchterung führen, damit ihm niemand ernsthaft dabei in die Quere kommt, sein Ziel zu erreichen.
Die westlichen Staaten haben zwar mit Sanktionen reagiert und unterstützen die Ukraine dabei, sich zu verteidigen. Und hier gibt es sicher unterschiedliche berechtigte Betrachtungsweisen, was davon in welchem Maße sinnvoll ist. Jedoch ist auch zu erkennen, dass eine unnötige Provokation und Eskalation vermieden werden soll und besonnen reagiert wird. Der Tonfall ist gemäßigt und ein direktes militärisches Eingreifen wird ausgeschlossen.
Das heißt, aus jetziger Sicht erscheint es nicht sehr wahrscheinlich, dass uns ein ausgeweiteter Krieg oder ein Atomkrieg drohen.
Eine erhöhte Gefahr bestünde aus psychologischer Sicht dann, wenn Putin sich in die Ecke gedrängt fühlen würde. Das Wohl anderer Menschen scheint für ihn nicht sehr wichtig zu sein und dadurch besteht eine gewisse Wahrscheinlichkeit, dass er, wenn er sich selbst existentiell bedroht fühlen würde, bereit wäre, auch viele andere mit sich zu reißen. Aber auch hier ist es wichtig, zu schauen, dass das nur eine mögliche Option von vielen und diese mit Fragezeichen behaftet ist.
Das heißt, zunächst müsste es überhaupt erst einmal so weit kommen, dass er sich in seiner Existenz bedroht fühlt. Hier werden wie gesagt Bemühungen getroffen, dass das nicht passiert. Dann müsste er in dieser Situation die Entscheidung treffen, auch andere mit sich zu vernichten, und dazu auch in der Lage sein. Auch das kann man nicht mit Sicherheit annehmen. Und dann kann er diese Entscheidung nicht alleine umsetzen und es besteht eine nicht geringe Chance, dass bei den anderen dann der Selbsterhaltungstrieb und die Sorge um ihre eigenen Familien größer ist als der Gehorsam und die Angst vor Repressalien. Und selbst ein beginnender Atomkrieg müsste dann immer noch nicht zwingend zu einer völligen Vernichtung führen, wie es manchmal in Filmen dargestellt wird.
Es ist also, wenn man sich die Frage stellt, ob die Angst vor Krieg berechtigt ist, wichtig, sich vor Augen zu halten, dass noch einige Menschen mehrfach falsch abbiegen müssten, bevor es zur Katastrophe käme. Das bedeutet, dass es zwar nicht völlig unmöglich ist, die Wahrscheinlichkeit, dass sie eintritt, aber doch deutlich kleiner ist, als dass es gut ausgeht. Eine hundertprozentige Sicherheit kann es nicht geben, aber nach meiner Einschätzung als Psychologin sind wir näher an der 100 als an der 0, was die Sicherheit betrifft.
Ist die Angst vor Krieg sinnvoll?
Angst und Panik sind immer dann sinnvoll, wenn unser Leben unmittelbar in Gefahr ist. In allen anderen Situationen führen sie eher zu negativen Auswirkungen auf unser Leben, lähmen uns und schränken unsere Handlungsmöglichkeiten ein.
Wie ich im vorherigen Abschnitt ausgeführt habe, ist unser Leben derzeit mit großer Wahrscheinlichkeit nicht direkt bedroht. Es ist daher sinnvoll und angemessen, die weitere Entwicklung des Konflikts im Auge zu behalten und für die Verantwortlichen zusätzlich, besonnen zu reagieren. Das heißt, eine erhöhte Wachsamkeit ist durchaus angemessen, Angst vor Krieg und Panik sind jedoch nicht angebracht.
Das heißt, wir tun gut daran, unsere Energie jetzt darauf zu verwenden, uns möglichst wieder zu beruhigen und der tatsächlichen Situation entsprechend zu verhalten.
Was Sie jetzt tun können, um mit Ihrer Angst vor Krieg umzugehen
Es gibt Einiges, was Sie jetzt tun können, um mit Ihrer Angst umzugehen. Schauen Sie, was davon für Sie passt und entwickeln Sie Ihre eigene Strategie:
1. Verurteilen Sie sich nicht für Ihre Angst
Wie in bereits ausgeführt habe, ist es jetzt ganz normal, dass Sie Angst vor Krieg verspüren. Das ist natürlich auch von Person zu Person unterschiedlich, und das ist auch normal. Wir sind nicht alle gleich. Also verurteilen Sie sich nicht dafür, falls Sie jetzt große Angst verspüren, nicht schlafen können oder Ähnliches, während andere Menschen in Ihrem Umfeld ruhig bleiben.
Geben Sie sich auch Zeit. Erwarten Sie nicht, sofort ruhig zu werden. Diese Situation ist neu und hat viele völlig unvorbereitet getroffen. Es braucht Zeit, sich daran zu gewöhnen und Strategien zu entwickeln, damit umzugehen. Aber Sie können das schaffen. Erinnern Sie sich an die Anfangszeit der Pandemie? Auch da herrschte zunächst eine große Verunsicherung und Unruhe, die dann nach und nach weniger wurde, und das Gefühl der Sicherheit und Entspannung wieder zunahm, als man merkte, dass die befürchtete Katastrophe ausblieb.
Eine gewisse Restunruhe darf auch bleiben. Sie müssen jetzt nicht völlig tiefenentspannt sein.
2. Entwickeln Sie eine gewisse Trotzhaltung
Denken Sie daran: Ihre Angst ist in gewisser Weise gewollt, denn sie lähmt sie und macht sie handlungsunfähig. Und alles, was Sie – was uns als Gesellschaft – schwächt, spielt den Kräften in die Hände, die andere Ziele als eine freiheitliche und demokratische Gesellschaft haben. Schauen Sie, ob Sie vielleicht auch so etwas wie Trotz in sich finden gegen die Versuche, Sie zu verängstigen und einzuschüchtern.
3. Vermeiden Sie übermäßigen Nachrichtenkonsum
Wie bereits gesagt: Unser Leben ist derzeit nicht unmittelbar bedroht. Es besteht also keine Notwendigkeit, dass Sie in jeder Sekunde auf dem Laufenden bleiben und jedes Detail wissen müssen. Zu viel Nachrichtenkonsum, detaillierte Informationen aus dem Kriegsgebiet mit persönlichen Schicksalen oder Bildern von Kriegshandlungen und Verletzten und Toten können das Gefühl der subjektiven Bedrohung und demzufolge Ihre Angst vor Krieg massiv verstärken, ohne dass Sie dadurch irgendetwas Sinnvolles erreichen.
Es reicht aus, informiert zu bleiben – Wachsamkeit statt Panik – daher ist es genug, wenn Sie sich einmal am Tag kurz auf den aktuellen Stand der Dinge bringen. Das geschriebene Wort ist leichter verdaulich als Bilder oder Videos. Versuchen Sie Nachrichten zu finden, die möglichst sachlich und wenig aufbauschen berichten. Vielleicht haben Sie auch jemanden in Ihrem Umfeld, der Ihnen ab und zu kurz und sachlich berichtet, was es Neues gibt. Oder der Ihnen Bescheid gibt, falls sich etwas Relevantes ändert.
Sie dürfen auch, wenn Sie das immer noch zu sehr aufwühlt, erst einmal völligen Abstand zu der Berichterstattung nehmen. Das Wichtigste ist wie gesagt, dass Sie jetzt erst einmal wieder zur Ruhe kommen. Wenn etwas Wichtiges passiert, werden Sie das schon rechtzeitig mitbekommen. Machen Sie es also so, wie es für Sie gerade passt.
4. Sprechen Sie mit anderen über Ihre Angst vor Krieg
Tauschen Sie sich mit anderen aus. Sie werden merken, dass Sie mit Ihren Sorgen und Ängsten nicht alleine sind. Das kann gut tun und entlastend wirken. Vermeiden Sie aber Gespräche, die Sie vielleicht unnötig aufwühlen. Am besten sprechen Sie mit Menschen, die Verständnis für Ihre Ängste haben, aber selbst ruhig bleiben können. Versuchen Sie den Fokus der Gespräche darauf zu lenken, was Ihnen jetzt helfen könnte und was Sie aktiv dafür tun können. Wenn Sie in Ihrem Umfeld niemanden haben, der dafür in Frage kommt, können Sie sich auch gerne jederzeit an mich wenden.
5. Schätzen Sie die Situation möglichst realistisch ein
Dazu habe ich jetzt schon einige Punkte genannt. Vielleicht finden Sie noch mehr. Basteln Sie sich daraus Ihre eigene sachliche Betrachtungsweise der aktuellen Situation zusammen und schreiben Sie sie gerne auch auf. Bei Bedarf schauen Sie sie sich zweimal am Tag oder auch häufiger an, um sie möglichst gut zu verinnerlichen. Dadurch verliert Ihre Angst ihre Macht über Ihren Verstand und Ihr logisches Denken.
6. Konzentrieren Sie sich auf die Gegenwart
Schauen Sie sich um: Sind Sie gerade in diesem Moment sicher? Wenn Sie sich unsicher sind und ein Haustier haben, schauen Sie mal, wie es sich verhält. Tiere leben völlig in der Gegenwart und sorgen sich nicht um die Zukunft. Wenn Ihr Hund oder Ihre Katze gerade friedlich schlafen, können Sie davon ausgehen, dass jetzt in diesem Moment alles in Ordnung ist.
Sie können sich weiter in der Gegenwart verankern, indem Sie mal schauen, was Sie gerade sehen, hören oder riechen können? Scheint die Sonne oder nicht? Zwitschern bei Ihnen auf Vögel?
Und was gibt es jetzt gerade, in diesem Moment, zu tun? Gibt es Dinge zu erledigen? Oder ist gerade Zeit, sich etwas Gutes zu tun? Versuchen Sie sich, nur darauf zu konzentrieren und es so gut zu machen, wie es Ihnen in diesem Moment möglich ist.
7. Werden Sie aktiv und helfen Sie
Es ist verständlich und normal, dass wir in der aktuellen Situation auch Sorge um unser eigenes Wohlergehen und unser Leben haben, auch wenn wir nicht direkt bedroht sind und andere Menschen gerade objektiv betrachtet mehr leiden. Und das Wichtigste ist, dass man sich dann erst einmal um sich selbst kümmert. Dadurch bekommen Sie dann wieder mehr Ruhe und Energie und können dann aktiv werden und die Menschen in der Ukraine, die direkt vom Krieg betroffen sind, unterstützen. So gut Sie das können. Wenn jeder das tut, was für ihn gut möglich ist, dann kann viel erreicht werden.
Sie können auf Kundgebungen gegen den Krieg gehen und damit Ihre Solidarität mit den Menschen in der Ukraine zeigen. Sie können Geld spenden oder mit Sachspenden helfen. Oder, wenn das für Sie möglich und machbar ist, eine Unterkunft für geflüchtete Menschen anbieten. Sie können ehrenamtlich Geflüchtete in Ihrer Stadt unterstützen oder lokale Hilfsorganisationen kontaktieren und Ihre Hilfe anbieten.
Damit können Sie den Krieg zwar leider nicht beenden, aber Sie können zumindest etwas dazu beitragen, das Leid der Menschen zu verringern. Und dadurch können Sie sich selbst auch weniger ohnmächtig und hilflos fühlen. Zögern Sie also nicht, das zu tun, was für Sie machbar ist.
Ich hoffe, dass Sie nun vielleicht schon etwas ruhiger sind und meine Ausführungen und Strategien Ihnen weiterhelfen. Wenn Sie Unterstützung brauchen, können Sie mich auch direkt kontaktieren. Ich antworte innerhalb von 24 Stunden, so dass ich kurzfristig für Sie per Onlineberatung oder Telefon bzw. Videochat da sein kann, wenn Sie das brauchen.